Erfüllte Wünsche verdrängen die Angst

29.01.2018

Antoine Katramiz-Kalala flieht aus Syrien und beginnt neues Leben in Hamm

Vollzeitstelle bei HeLi NET erfüllt ihn

Antoine Katramiz-Kalala arbeitet seit Ende 2017 bei HeLi NET

Aleppo/Hamm – Seine Narben sind unsichtbar. Körperlich ist Antoine Katramiz-Kalala unversehrt. Die Verwundbarkeit seiner Seele aber wurde dem 25-Jährigen schon in jungen Jahren schmerzlich vor Augen geführt. Die Odyssee begann mit dem Krieg in seiner Heimat, im syrischen Aleppo. Still wird es um den sonst so redegewandten Katramiz-Kalala, wird er auf seine Vergangenheit angesprochen. „Darüber möchte ich eigentlich nicht so viel reden“, sagt er. Sein Lächeln erlischt, der Blick geht zu Boden, seine Hände ballt er zu Fäusten.

An seine Vergangenheit wird der gebürtige Syrer heute nur noch selten erinnert. Zu sehr gefordert und dadurch abgelenkt ist er in seiner neuen Tätigkeit im Telekommunikationsunternehmen HeLi NET an der Hafenstraße. In den Vermittlungsdiensten der Abteilung „Aktive Netze“ zeigt Katramiz-Kalala, was er während seines Hochschulstudiums der Elektrotechnik mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik in Aleppo lernte. „Es war für mich zunächst nicht leicht, in Deutschland einen Job zu finden, der meinen Studieninhalten entspricht“, berichtet der Syrer.

Diese Herausforderung sei ein Leichtes gewesen im Vergleich zu dem, was er ab Dezember 2015 erlebte. Katramiz-Kalala rutscht auf dem Stuhl hin und her, als er gebeten wird, Teile seiner Biografie zu schildern. Zu höflich ist der junge Mann, als dass er seinem Gegenüber diesen Wunsch ausschlagen möchte. Also beginnt er zu erzählen: „Nach meinem Studium hätte ich zum Militärdienst gemusst, was ich unter allen Umständen verhindern wollte.“ Wer in Syrien den Dienst an der Waffe verweigert, hat zwei Optionen: Gefängnis oder Flucht. Über Tage schipperte er in einem Boot gen Europäischer Union, über Wochen schleppte er sich zu Fuß bis ins bayerische Passau. Dem Schleuser gab Katramiz-Kalala eine Summe Geld, die er nicht nennen möchte. Diese Summe sei so hoch gewesen, sodass er seine Eltern und Schwester in Syrien zurücklassen musste. Das habe dem jungen Mann das Herz gebrochen. Täglich mache er sich Sorgen um jene Menschen, die ihm das Leben schenkten und mit denen er aufwuchs. „Ich frage mich halt immer, ob es ihnen gut geht“, erzählt er. Jeden Euro, den er bei HeLi NET verdient und den er nicht zum Überleben braucht, spare er für deren Nachzug: „Mein Bruder und ich wollen unsere Familie möglichst im April nach Deutschland holen.“ Sein Bruder lebt schon länger in Deutschland als der 25-Jährige. Daher sei seine Entscheidung, ebenfalls nach Deutschland zu fliehen, schon sehr früh gefallen.

Auch in der Bundesrepublik wurde es für Katramiz-Kalala zunächst nicht besser: Ein Jahr und zwei Monate hielt seine Suche nach einer sicheren Unterkunft an. „In der ersten Aufnahmestation hatte ich keinen guten Stand unter den Syrern, weil ich Katholik bin“, erzählt er. Man habe ihn zu Dingen gezwungen, die er nicht wollte. „Darüber möchte ich aber wirklich nicht sprechen“, betont der Mann mit Nachdruck. Seine Situation habe sich erst gebessert, als ihm die Flüchtlingshilfe eine Wohnung in Hamm organisiert hat. Dieser Umstand habe ihn beflügelt, weitere Sprachkurse zu besuchen. Mittlerweile hat er den zweithöchsten Sprachrang erreicht, ihm fehlt lediglich die sogenannte C2-Prüfung.

Sein sprachliches Niveau und seine schnelle Auffassungsgabe kommen Katramiz-Kalala zupass – insbesondere bei seiner Vollzeitbeschäftigung bei der HeLi NET. Zwar verfügt der studierte Elektrotechniker über keinerlei Praxiserfahrung, „aber wer, der gerade frisch von der Uni kommt, tut das schon?“, sagt sein Arbeitskollege Jürgen Kramer. Der kennt das Telekommunikationsunternehmen HeLi NET und dessen Anforderungen wie seine Westentasche, arbeitet er immerhin seit 1996 in der an der Hafenstraße ansässigen Firma. „Hier fangen alle bei Null an. Antoine ist sehr wissbegierig. Damit er sich alles merkt, dokumentiert er jeden Arbeitsschritt“, beschreibt Kramer Katramiz-Kalalas Fortschritte. „Hier kann ich endlich in dem Bereich arbeiten, für den ich ausgebildet wurde“, freut sich der 25-Jährige. Zwei Praktika zuvor in Hammer Unternehmen hätten ihm zwar Pressemitteilung auch viel Freude bereitet, „aber da verkaufte ich Elektronikartikel“. Dank seines Besuches der Ausbildungsmesse in den Hammer Zentralhallen entstand schließlich der Kontakt zur HeLi NET. Deren Personalchef Jörg Mecklenbrauck fasste nach Eingang seiner Unterlagen den Entschluss, Katramiz-Kalala einzustellen. „Dabei half das Jobcenter Hamm ganz unbürokratisch“, freut er sich. Nun setzt sich Katramiz- Kalala mit den komplexen Vermittlungssystemen des Telekommunikationsdienstleisters auseinander, sorgt dafür, dass sämtliche Vermittlungsdienste reibungslos funktionieren und letztlich jeder Kunde der HeLi NET problemlos telefonieren kann.

Nicht nur im Job läuft es für Katramiz-Kalala gut. Sobald seine Eltern und Schwester ebenfalls nach Deutschland gezogen sind, dürfte für ihn erst einmal alles perfekt sein. Immerhin hat er hier auch eine Freundin gefunden. Aber: „Eine Sache wäre da noch“, gibt er zu bedenken. „Ich würde gerne den Master in Elektrotechnik mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik studieren.“ Dieses Studium sei aber ein Vollzeitstudium und er habe Angst, den Job bei der HeLi NET aufzugeben. Personalchef Mecklenbrauck spricht ihm Mut zu: „Wir befürworten die Weiterbildung unserer Mitarbeiter und unterstützen sie dabei.“ Somit dürfte sich auch dieser Wunsch von Katramiz-Kalala erfüllen. In einem friedlichen Deutschland.

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